Stifterisches Lebenswerk

„Ich habe zwar keinen Nobelpreis erhalten, aber ich begrüße Sie gern im Haus eines Nobelpreisträgers“, freute sich Klaus Tschira, wenn Gäste zu seiner Stiftung in die Villa Bosch kamen. Kurz vor Gründung der Klaus Tschira Stiftung (KTS) im Jahr 1995 hatte er das historische Gebäude als Sitz für die KTS erworben. Die Villa Bosch war das Wohnhaus des Chemie-Nobelpreisträgers Carl Bosch.

Klaus Tschira gründete die KTS, um Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik sowie die Wertschätzung für diese Fächer zu fördern. Hierzu brachte er über die Hälfte seines privaten Vermögens in die Stiftung ein und engagierte sich bis zu seinem Lebensende tagtäglich für ihre Ziele. Seit über 20 Jahren fördert die Klaus Tschira Stiftung Bildung, Forschung und Wissenschaftskommunikation. Ihr Engagement beginnt im Kindergarten und setzt sich in Schulen, Hochschulen und Forschungseinrichtungen fort.

Das Profil der KTS wurde auch von dem leidenschaftlichen Interesse Klaus Tschiras für naturwissenschaftliche und mathematische Themen mitbestimmt. Der Kern seines einmaligen Engagements war seine Neugier, sein unstillbares Interesse an neuen Erkenntnissen, neuen Methoden und neuen Ansätzen zur Erklärung der vielen offenen Fragen in der Wissenschaft. Im HITS, dem Heidelberger Institut für Theoretische Studien, das er gründete, nutzte er jede Gelegenheit, mit Wissenschaftlern über ihre Arbeit zu diskutieren – sei es über Themen der Molekularbiologie oder der Astrophysik.

Portrait: Klaus Tschira
©Tim Wegner

Klaus Tschira war davon überzeugt, dass Forschung unabdingbar für die Entwicklung unserer Gesellschaft ist. Die Zusammenarbeit und der Austausch von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen war ihm ein Anliegen. Auch aus diesem Grund rief er das Heidelberg Laureate Forum (HLF) ins Leben. Hier treffen sich jährlich die weltweit besten Mathematiker und Informatiker mit herausragenden Nachwuchswissenschaftlern. „Gute Forschung braucht Verständlichkeit“, betonte der Stifter, und stichelte mit einem Schmunzeln gegenüber Wissenschaftlern: „Was du deiner Großmutter nicht erklären kannst, hast du wohl selbst nicht verstanden.“ Wie wichtig ihm dieses Anliegen war, zeigt das erste eigene Projekt seiner Stiftung: die Auslobung des Klaus Tschira Preises für verständliche Wissenschaft – heute KlarText – Preis für Wissenschaftskommunikation. Jedes Jahr werden mit dem KlarText-Preis junge Wissenschaftler ausgezeichnet, die es geschafft haben, die Ergebnisse ihrer Doktorarbeit anschaulich in einem Beitrag zu vermitteln. Damit nicht genug: Mit der Gründung des Nationalen Instituts für Wissenschaftskommunikation (NaWik) – gemeinsam mit dem KIT in Karlsruhe – setzte er ein Zeichen für die Förderung der Wissenschaftskommunikation. Das NaWik bietet deutschlandweit Kurse zur Verbesserung des Dialogs zwischen Wissenschaftlern und der Öffentlichkeit an. Um auch Journalisten zeitnah fundiertes Wissen zu liefern, gründete die Klaus Tschira Stiftung zudem das Science Media Center Germany (SMC) in Köln. Das SMC stellt den Medien schnell und kostenfrei Expertise und Hintergrundmaterialien zur Verfügung, wenn Wissenschaft Schlagzeilen macht.

Engagement

Klaus Tschira war in etlichen Gremien von Max-Planck-Instituten, Forschungseinrichtungen und Hochschulen aktiv. Für sein Engagement für die Wissenschaft wurde er vielfach geehrt, u.a. durch folgende Auszeichnungen:

  • Ehrendoktor Karlsruher Institut für Technologie (KIT)
  • Ehrendoktor Universität Klagenfurt, Österreich
  • Bundesverdienstkreuz 1. Klasse
  • Stifterpreis Bundesverband Deutscher Stiftungen
  • Leibniz-Medaille der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften
  • Richard-Benz-Medaille der Stadt Heidelberg
  • Konrad-Zuse-Plakette der Stadt Hoyerswerda
  • Rudolf-Diesel-Medaille des Deutschen Institutes für Erfindungswesen
  • Alwin-Walther-Medaille der Technischen Universität Darmstadt
  • Ehrensenator der Universitäten Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe, der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg
  • Ehrensenator der Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertagungen am Bodensee
  • Ehrenmitglied der Astronomischen Gesellschaft
  • Ehrenmitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften

Was du deiner Großmutter nicht erklären kannst, hast du selbst nicht verstanden.

Klaus Tschira

Schon als Kind suchte Klaus Tschira nach Erklärungen und vertiefte sich eifrig in Enzyklopädien und Lexika. Dabei faszinierte ihn besonders die Astronomie. „Planetenheini“ nannten ihn seine Mitschüler, was ihn aber überhaupt nicht irritierte. Dem Stifter war es wichtig, Kinder und Jugendliche so früh wie möglich für Naturwissenschaften zu begeistern. Deshalb gründete er die Forscherstation, das Klaus-Tschira-Kompetenzzentrum für frühe naturwissenschaftliche Bildung. Hier erfahren pädagogische Fachkräfte, wie sie bereits in Kindergarten und Grundschule das Interesse für Naturphänomene wecken können.

Regelmäßig besuchte Klaus Tschira „Explore Science“, die naturwissenschaftlichen Erlebnistage seiner Stiftung, im Luisenpark Mannheim. Dort verfolgte er mit großem Vergnügen die Schülerwettbewerbe und ließ sich von Kindern und Jugendlichen erklären, wie sie ihre Windmühlen, Wurfmaschinen oder Kettenreaktionen konstruiert hatten.

Klaus Tschira selbst experimentierte am liebsten in seiner Küche. Deshalb unterstützte der Hobbykoch und Sammler von Kochbüchern die Idee, mit einem eigenen Kochbuch Kindern sowohl das Kochen beizubringen als auch chemische und physikalische Vorgänge in der Küche zu erklären. „Schlau kochen“ ist das erste und vielfach ausgezeichnete Buch der „Schlau-Reihe“ der Edition Klaus Tschira Stiftung.

Zeitgenössische Architektur war eine weitere große Leidenschaft Klaus Tschiras. Er mochte Gebäude, denen man von außen ansehen kann, was im Inneren gearbeitet wird. Häufig bilden diese Bauten ein Bauprinzip der Natur nach. In Heidelberg stehen beispielsweise das Advanced Training Centre des EMBL in Form einer DNA-Doppelhelix oder das Haus der Astronomie, das nach dem Vorbild einer Spiralgalaxie erbaut wurde. In Garching bei München entsteht die ESO Supernova, ein Planetarium und Besucherzentrum. Ihre Form erinnert an ein Doppelsternsystem, das durch Massetransfer irgendwann zu einer Supernova wird.

Lebenslauf

1940 in Freiburg geboren, wuchs Klaus Tschira in einfachen Verhältnissen auf. Er studierte Physik an der TH Karlsruhe. Um sein Studium zu finanzieren, jobbte er unter anderem als Straßenbahnschaffner. Nach seinem Diplom 1966 begann er mit seiner Arbeit als Systemberater bei IBM Deutschland, wo er seine späteren SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Hans-Werner Hector und Claus Wellenreuther kennenlernte. Zu fünft gründeten sie 1972 die Firma Systemanalyse & Programmentwicklung GdBR, aus der die heutige SAP SE hervorging.

Klaus Tschira liest im Garten ein Buch
©Klaus Tschira Stiftung

Das Ziel der fünf SAP-Gründer war es, Unternehmens-Software zu entwickeln, die flexibel auf die jeweilige Kundensituation zugeschnitten werden kann. Dieses Vorhaben war neuartig, und darin lag auch die große Herausforderung und Chance für das junge Unternehmen. Die Software sollte sich anpassen können an die sich kontinuierlich wandelnden Randbedingungen wie etwa gesetzliche Vorgaben, länderspezifische Regeln oder Sprachen.

Um solche Systeme bauen zu können, mussten grundlegende Probleme der sich erst entwickelnden Informatik gelöst werden. Klaus Tschira war ein Pionier auf dem Gebiet der Software-Entwicklung. Er arbeitete maßgeblich an der Konzeption und Realisierung aller wesentlichen SAP-Software-Produkte, von den anfänglichen Lösungen bis hin zum System R/3. Heute ist die SAP einer der größten Softwarehersteller und beschäftigt weltweit über 80.000 Mitarbeiter in über 130 Ländern. Klaus Tschira war bis 1998 im Vorstand aktiv, bis 2007 im Aufsichtsrat.

1995 begann mit der Gründung der Klaus Tschira Stiftung in Form einer gemeinnützigen GmbH der zweite erfolgreiche Lebensabschnitt. Fortan stellte Klaus Tschira die Förderung der Wissenschaft in den Mittelpunkt seiner Arbeit als geschäftsführender Gesellschafter der KTS. Um deren Förderziele zu verwirklichen, unterstützte er nicht nur zahlreiche Projekte, sondern er gründete auch eine Reihe von Institutionen.

Von Klaus Tschira gegründete Institutionen

  • EML – European Media Laboratory (1997)
  • HITS – Heidelberger Institut für Theoretische Studien (2009)
  • GKTS – Gerda und Klaus Tschira Stiftung (gemeinsam mit Gerda Tschira, 2009)
  • NaWik – Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation (2012)
  • Forscherstation – Klaus-Tschira-Kompetenzzentrum für frühe naturwissenschaftliche Bildung (2012)
  • HLFF – Heidelberg Laureate Forum Foundation (2013)
  • HITS Stiftung (2014)
  • Science Media Center Germany (2015)

Datenschutz & Verwendung von Cookies



Um unsere Webseite optimal gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen hierzu finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Akzeptieren
X